Gießkanne Schullian

Sagen Sie nur, Sie haben die Kanne übersehen.

Jede Gärtnerei hat Gießkannen. Die von Martina Schullian ist groß wie ein Haus. Wie aus einer verrückten Idee ein Wahrzeichen wurde.

„Paul, hilf mir!“

Eine Riesengießkanne. Davon hat Martina Schullian schon als Kind geträumt. Groß sollte sie sein. „Logisch groß! Übergroß.“ Ihre Idee war lange nur eine Idee. Fast vergeblich suchte sie nach einem Planer, einem Gestalter, einem Umsetzer. Jemand, der das Zeug zu Großem hat. Bis sie dem Künstler Paul Thuile, einem begnadeten Zeichner und Praktiker, von ihrer Idee erzählte. Paul war verrückt genug und machte 2015 aus der Idee eine Form. Endlich.

Und wer hilft Paul?

Paul plante die Riesengießkanne. Bauen musste sie jemand anders. Einen Handwerker zu finden, war nicht leicht. „Ja, könnte man vielleicht schon machen“, lautete die vorsichtige Antwort der Firma Metallbau Vorhauser (Link zu http://www.vorhauser-rudi.it/de/home.html) in Eppan. Rudi Vorhauser, sein Sohn Martin Vorhauser und der Schweißer Lukas Morandell wollten es versuchen. Der junge Designer Moritz Kessler entwarf den Bauplan. Auf dem Papier war die Riesengießkanne schon fast Wirklichkeit.

Blech und Pannen

„Wir wollten die Gießkanne so realistisch wie möglich umsetzen“, erklärt Paul. Eine Blechkanne aus Eisen, wie das kleinere Original. Gar nicht so einfach. Wer denkt schon daran, dass der Handgriff ein Hohlkörper sein muss und nicht, wie man vermuten könnte, ein dicker Streifen aus Metall sein kann? Solche Einsichten waren notwendig, um das Original bestmöglich nachahmen zu können. „Technisch besonders schwierig war die Herstellung des Ausgießers“, erinnert sich Paul. Der Durchmesser musste am Kannenansatz größer sein und mit zunehmender Länge kleiner werden. Nach tagelanger „Schweiß“-Arbeit stand die Riesengießkanne endlich in der Werkstatt. Aber irgendwie fehlte etwas…

Da fällt Paul Michelangelo ein

Als Paul in der Werkstatt vor der Riesengießkanne stand, sah er sofort: der Brausekopf fehlt. Auch konnte er, von unten betrachtet, den oberen Henkel nicht sehen. Da musste eine Lösung her. Paul hielt die Augen offen. Als er einmal im Pustertal an der Firma Kammerer Tankbau vorbeifuhr, stach ihm der Deckel eines der Erdöltanks ins Auge. Der machte sich doch prächtig als Brausekopf! Und der Henkel? Der musste nach oben verlängert werden. Wie Paul es bei Michelangelo gesehen hat. „Michelangelo hat beim David Kopf und Hände auch vergrößert, damit von unten betrachtet die Proportionen stimmen“, weiß Paul. „Es geht ja um die Wirkung. Weniger um die Wirklichkeit.“ Alles eine Sache des Blickwinkels also.

Martina sieht blass aus.

„Als ich die Gießkanne zum ersten Mal gesehen hab, bin ich echt erschrocken“, erzählt Martina. Die Kanne war freilich riesig, 13-mal größer als jene, die wir aus unserem Garten kennen. Aber groß allein war noch nicht genug: auffällig sollte auch ihre Farbe sein. Eine Signalfarbe. Martina sah Rot. Nur welches Rot? Dann wurde es bunt. Farbproben wurden gemischt, es wurde getestet und korrigiert, bis… das einzig wahre Rot gefunden war, „das Schullianrot“! So was von rot, knallig, mit starker Leuchtkraft.

Die Kanne rollt.

Nach einer Herstellungszeit von neun Monaten war der Tag, nein, die Nacht der Abreise gekommen. Sondertransporte brauchen viel Platz. Und eine Sondergenehmigung. So rollte die rote Kanne erst um 10 Uhr abends zum Ort ihrer Bestimmung. Der Kran vor der Gärtnerei wartete schon. Der Sekt auch. Seitdem steht sie da, die Riesengießkanne. Sie ist genau 5,8 Meter hoch, 2,5 Tonnen schwer, 3,2 Meter breit, fasst 275.000 Liter und strahlt in 8,3 Kilogramm Schullianrot. Sie können sie gar nicht übersehen.

Finden Sie bitte eine, die schöner ist.

„Unsere Gießkanne ist nicht die größte, aber die höchste der Welt“, erklärt Paul. „Die mit dem größten Volumen steht in New York. Aber die ist nicht so schön proportioniert.“ Rekorde zu brechen war nicht Martinas Absicht. „Mindestens so hoch wie das Glashaus!“, das war ihr wichtig. Und, könnte ein Riese mit der Kanne Blumen gießen? „Nein“, verrät Paul, „weil sie keinen Boden hat.“ Na gut.